Fundstücke aus dem Landesarchiv Berlin, Folge 7

Fundstücke aus dem Landesarchiv Berlin, Folge 7

Mangelwirtschaft im Juli 1945 – es fehlen Kisten und Material für die Blaupausen

Noch vor der offiziellen „Enteignung“ war am 2. Juli bereits für die Belegschaft der FAO ein Aushang angebracht worden mit der Überschrift: „Bekanntmachung für Meldung von Gefolgschaftsmitgliedern nach Leningrad.“ Die Belegschaft wurde darin informiert, dass das Pupinspulenwerk nach Leningrad verlagert werden sollte und dafür Spezialisten gesucht wurden, die gerne weiter in diesem Werk (dann aber in Leningrad) arbeiten wollte. Der Aushang erfolgte auf Weisung des sowj. Werkskommandanten und war von Direktor Zimmermann unterschrieben.[1] Offensichtlich hielt sich der Andrang für dieses Jobangebot in Grenzen, denn am 17. Juli folgte der nächste Aushang, dem nun zu entnehmen war, dass nicht nur die Spulenfabrik, sondern auch die Apparatefabrik und die Laboratorien nach Leningrad verlegt werden sollten. In dem Aushang wurde darum gebeten, auch ehemalige Mitarbeiter, die nicht mehr im Werk waren, über dieses Stellenangebot zu informieren. Ob jemand dieser Stellenofferte folgte, ist leider nicht in den Akten vermerkt.

Im Juli 1945 gab es aber auch reichlich Arbeit im Werk, denn es sollte ja alles transportsicher in Kisten verpackt werden. Bei einer Besprechung mit dem sowj. Kapitän Malikow am 9. Juli wurde Zimmermann informiert, wie die Demontage der Werkstätten in der III. Etage abzulaufen habe und dass sie in 14 Tagen erledigt sein solle. Zugesagt wurden 10 russ. Mitarbeiter, der Rest sollte von FAO-Mitarbeitern erledigt werden. „Von der Werkstatt und den Montagerahmen (Gruppenrahmen) soll eine Zeichnung angefertigt werden. […] Die einzelnen fertigen Bausteine, Becher usw., werden nach Möglichkeit mit der Typenbezeichnung, Zeichnungs- u. Stücklisten-Nr. versehen, d.h. nicht jeder einzelne Baustein, sondern der betreffende Karton bzw. Kiste“. […] Es werden sämtliche Zeichnungen u. Stücklisten aus den Werkstätten und Lägern eingesammelt, neue müssen mühsam zusammengesucht werden.“[2]  Für das Verpacken der Geräte wurden ein Bedarf an 65 großen und 15 schmale Kisten kalkuliert.

Ganz so schnell, wie Kapitän Michailow geplant hatte, ging es mit der Demontage doch nicht. Am 31. Juli waren erst einige Kisten mit Messegeräten abtransportiert worden, die Maschinen standen noch.[3] D.h. im August wurde noch weiter demontiert und Kisten abgefahren. So lautete ein Arbeitsbericht für den 15. August folgendermaßen: 1.) Zweite Kreissäge in Ordnung gebracht (Riemenscheiben, Riemen), 2.) Schwenkkran am Ufer begonnen zu reparieren, 3.) Kisten angefertigt: 12 Stück versch. Größen (Bretter auf Vorrat geschnitten), 4.) Kisten gepackt: 6 Stück versch. Größen, 5.) Kisten transportiert: 9 Autos ab Napelastraße, 4 Autos ab FAO-Hof, 6.) Bretter gefahren und gestapelt. Bemerkung: Die angesetzten Männer sind für die Arbeiten ungeeignet, Bei der körperlichen Verfassung ist die Arbeit zu schwer. Es sollte unbedingt für zusätzliche Verpflegung gesorgt werden, da sonst weitere Entkräftung und dadurch Rückgang der Arbeitsleistung unausbleibliche Folge ist.“[4] Am folgenden Tag wurden 2 Kreissägen geschärft, der Schwenkkran am Ufer weiter repariert, nämlich der Bremsmagnet umwickelt, der Hof aufgeräumt, 8 weitere Kisten angefertigt und 3 mit „Kuven“ versehen, 8 Kisten mit rd. 5,5 t Material gepackt, wieder 9 Fuhren ab Nalepastraße und 4 ab FAO-Hof abgefahren, Bretter gefahren und gestapelt und 25 große Spulenkästen beschriftet. Erneut folgte der Hinweis auf die schlechte Verfassung der für die Transportarbeiten bereitgestellten Männer: „Durch die schwere Arbeit für die meist körperlich schwachen oder körperbehinderten Männer steigt der Ausfall durch Krankheit.“[5] Nicht vergessen darf dabei, dass körperlich fitte Männer im Arbeitsfähigen Alter im Juli/ August 1945 eine Rarität waren, da sich viele noch in Kriegsgefangenschaft befanden und vor allem die nun herangezogen wurden, die allenfalls beim letzten Aufgebot, der ‚Volkswehr‘ eingesetzt worden waren.

Aber nicht nur die Kistenbeschaffung war mühsam, auch das Pauspapier für die technischen Zeichnungen war knapp. So meldete der für das Zeichnungsbüro und die Vervielfältigungen zuständige Erwin Pahn dem Direktor Zimmermann am 3. Juli recht verzweifelt, dass er die ihm von Kapitän Malikow übertragende Aufgabe, Pausen der Beschreibungen für Postverstärker anzufertigen, nur zum Teil erledigen konnte, weil für Formate, die größer als Din A4 waren, das Pauspapier fehle. Er hatte versucht, es beim normalen FAO-Lieferanten und noch bei einer anderen Firma versucht zu kaufen, aber ohne Erfolg.[6] Ob seine Versuche, bei den benachbarten Firmen RFO[7] und KWO das benötigte Material zu bekommen, erfolgreicher waren, ist leider in den Akten nicht vermerkt. Außerdem fehlte es an Treibriemen für die Lichtpausmaschinen, die im KWO gefertigt werden mussten.[8]

Da man mit deutscher Gründlichkeit demntierte wie zuvor montierte, wurde für die Demontage der Spulenfabrik ein Herr Böttcher aus Lichtenberg angeschrieben und gebeten, der FAO zu helfen. „Für die Demontage müssen zeichnerische Aufnahmen der gesamten Anlagen und des Rohrleitungsnetzes gemacht werden, aus denen hervorgeht, welche Unterteilung für die Demontage zweckmäßigerweise gewählt wird, so dass auf Grund dieser Zeichnungen eine spätere Montage der Anlagen wieder durchgeführt werden kann. Da Sie im Auftrage der FAO diese Anlagen gebaut haben und somit am besten für die Aufnahme geeignet sind, um die hier beschäftigten Ingenieure zu unterstützen, werden Sie im Auftrag des Kommandanten gebeten, sofort zu erscheinen.“[9]

Die Demontagearbeiten in der FAO sprachen sich auch bei anderen Berliner Firmen herum, die Maschinen an die FAO verliehen hatten. So forderte die Schreibmaschinen Olympia 7 Schreibmaschinen zurück, die das FAO gemietet haben sollte. Davon konnten zwar vier im Maschinenverzeichnis der FAO nachgewiesen werden, drei waren irgendwie abhandengekommen, aber auch diese konnten Olympia nicht zurückgegeben werden, weil nach der Enteignung der FAO nun die Sowjets diese Maschinen beschlagnahmt hatten.[10] Ob Olympia wenigstens die Mietgebühr für April bis Juni 45 in Höhe von 219,90 RM erhalten hat, ist leider in den Akten nicht belegt.
Ebenso erfolglos waren die Bemühungen der  Grünwalds Registrator Co. Gmbh aus Neukölln, die versuchte, ihre Handspindelpressen zurückzubekommen. Zwei Pressen hatten im Zweigwerk in Bautzen gestanden, deren Verbleib nun unbekannt war. Direktor Zimmermann vermutete, dass sie bei den Kampfhandlungen in den letzten Kriegstagen zerstört wurden. Zwei weitere standen im A3-Gebäude des KWO, und da der Kommandant des KWO keine FAO-Leute auf sein Gelände ließ, konnte die FAO da auch keine Auskunft geben. Eine stand in der Zweigstelle in der Nalepastraße, in der auch gerade alles demontiert wurde. Auch da wusste Zimmermann nicht, ob die dortige Presse schon eingepackt war. Eine weitere Spindelpresse hatte sich auf dem FAO-Gelände befunden, war aber, als Zimmermann endlich Ende Mai das Werk betreten durfte, nicht mehr vorhanden. „Bezüglich der von Ihnen geforderten Leihgebühren möchten wir bemerken, dass wir über diese Angelegenheit zurzeit noch nichts Endgültiges sagen können.“[11]

Das mit der Demontage beschäftigte Personal wollte auch bezahlt werden. Am 5. Juli 45 wurde eine Gehaltsübersicht für „Instandsetzungen“, die der Belegschaft bekannt gemacht werden sollte, veröffentlicht. Die Monatsgehälter für Oberingenieure variierten zwischen 700 und 900 Mark, ein Elektroingenieur sollte 500 Mark, ein Turbinenmonteur 500 Mark monatlich erhalten, der Leiter der technischen Schriften 400 Mark, der Dolmetscher 300 Mark, ebenso der Buchhalter und der Koch 250 Mark. Der Kranmeister bekam täglich 13,43, ebenso der Ober-Kesselarbeiter, der Lohn für Elektromonteure lag zwischen 11,54 und 7,70 Mark, ein Schweißer erhielt 10,77 Mark, ein Transportarbeiter 0,69 Mark und ein einfacher Arbeiter 0,58 Mark pro Stunde, um nur einige Posten zu nennen. Am 28. Juli fand eine Besprechung mit Oberst Iwanow statt, dem zwei Lohnlisten übergeben wurden, eine für Vorbereitungen für die Demontage im Juni 45 in Höhe von 37309,26 RM und für die Demontagearbeiten im Zeitraum 1.-27. Juli über 49674,15 RM. Dazu wurde in dem Besprechungsprotokoll vermerkt, dass die Tabellen Überschriften ins Russische übersetzt werden müssten und von der russischen Regierung Beträge für die Demontagearbeiten festgesetzt seien. „ Uebersteigen unsere Forderungen diese Beträge, müssen Abstriche gemacht werden. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass Aufschläge gezahlt werden.“[12] Wie viel die FAO in Abwicklung schließlich erstattet bekam, ist leider nicht in den Akten vorhanden.

Trotz des drohenden Abbaus der FAO rechnete die AEG-Hauptverwaltung weiterhin mit Aufträgen für die FAO. So forderte die AEG Zimmermann auf, an einer Besprechung in der Generaldirektion Wasserstraßen teilzunehmen, in der es darum ging, das S&H bei den Instandsetzung der Fernsprechleitungen für die Generaldirektion Wasserstraßen, Schifffahrt und Schiffbau das Geschäft für sich allein beanspruchte.[13] Etwa entnervt reagierte Zimmermann auf diese Aufforderung: „Die FAO befindet sich in der Demontage. Ich kann deshalb hier nicht abkommen, da ich ständig von dem Werkkommandanten und den Offizieren in Anspruch genommen werde.“[14]

Aber nicht nur die AEG hatte Pläne mit dem in Demontage befindlichen FAO …

(Fortsetzung folgt)

Das Foto zeigt die Lichtpauserei im NEF im Frühjahr/ Sommer 1946.

[1] Bekanntmachung für Meldung von Gefolgschaftsmitgliedern nach Leningrad, unterscheiben von Zimmermann und Müller vom 2.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[2] Bericht über due Demontage des III. Stockwerkes, unterzeichnet von Hannemann, vom 10.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[3] Vergl Betr. Bericht über einen Besuch bei der ARÈG-Hauptverwaltung von??? (unleserlich) vom 2.8.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[4] Arbeitsbericht 15.8.1945, unterzeichnet von Fricke, vom 17.8.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[5] Arbeitsbericht 16.8.1945, unterzeichnet von Fricke, vom 17.8.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[6] Vergl. Schreiben von Pahn an Herrn Malikow und Herrn Zimmermann, Betr.Pauspaier, vom 3.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[7] Vergl. Schreiben von Pahn an Herrn Stahn/ RFO mit der bitte um 3 Rollen Ozalid-Papier, vom 20.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[8] Vergl. Schreiben Zimmermanns an den Kommandanten des KWO vom 20.8.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[9] Schreiben von Zimmermann an Böttcher vom 16.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[10] Vergl. Schreiben Zimmermanns an die Berliner Niederlassung der Olympia Büromaschinenwerke vom 6.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[11] Schreiben Zimmermanns an Grünwalds Registrator Co. Gmbh vom 23.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[12] Aktennotiz Betr.: Lohn- und Gehaltszahlung für Demontagearbeiten vom 30.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[13] Vergl. Schreiben der Abteilung S der AEG an Zimmermann vom 17.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[14] Schreiben von Zimmermann an Abt. S der AEG vom 14.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

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