Anni und die ‚Gent-Mädels‘ – Frauen im WF, Folge 10

Anni und die ‚Gent-Mädels‘ – Frauen im WF, Folge 10

Nach dem Medienrummel um Anni Gent (siehe Frauen im WF, Folge 9) war es ab 1954 um die erste Aktivistin des HF still geworden. Das änderte sich wieder 1958, nachdem Anni Gent in die SED eingetreten war. So durfte sie zusammen mit einer Kollegin Otto Grotewohl, der im Oktober 1958 das HF besuchte, ihre Selbstverpflichtung persönlich übergeben.[1] 1959 wurde sie geradezu stadtbekannt.

Anfang 1959 war Anni Gent Brigadier einer Brigade im Empfängerröhrenaufbau geworden, die sie aber nicht lange führen durfte. Die APO (Abteilungsparteiorganisation) und der Abteilungsleiter befanden, dass sie sich um eine andere Brigade kümmern sollte, eine Jugendbrigade, die wegen ihrer mangelnden Motivation die unzuverlässigste und schlechteste Brigade im Röhrenaufbau war. Nach einigem Zögern, bedeutete eine schlechte Brigade doch auch Einkommensverlust, da keine Prämien zu erwarten waren, folgte Gent dem Parteiauftrag.[2]

Sie versuchte den Ehrgeiz ihrer Jugendbrigade anzufachen, indem sie ihre Brigade zum Wettkampf um den Titel „Brigade der sozialistischen Arbeit“ anmeldete[3], und es gelang ihr, innerhalb weniger Monate die Produktion der Brigade um das Fünffache zu steigern, von rd. 200 Aufbauten pro Schicht auf 1000, was der normalen Leistung der anderen Brigaden im Aufbau entsprach. Und damit wurde sie zum Vorzeige-Brigadier, hatte sie doch gezeigt, dass es nur auf die richtige Leitung ankam, um die Leistungswilligkeit und -fähigkeit zu entzünden und zu steigern. Zur Belohnung bekam Anni Gent von der Werkleitung 600 Mark Prämie und jede der 12 jungen Frauen in ihrer Brigade 300 Euro.[4]

Nachdem am 4. September 1959 die Betriebszeitung ausführlich über Anni Gent berichtet hatte, griffen die großen Tageszeitungen „Berliner Zeitung“ und „Neues Deutschland“ dieses Thema auf und feierten die beherzte Brigadeleiterin, die wahre sozialistische Hilfe leiste und sich um die Schwächeren kümmere. Zwei Reporterinnen der ‚Berliner Zeitung‘ wurden „Patinnen“ der Brigade und besuchten sie regelmäßig.[5] Selbst Walter Ulbricht erwähnte Anni Gent und ihre Brigade in seiner Rede „Das Gesetz über den Siebenjahrplan und die Aufgaben der Partei bei der Durchführung des Planes in der Industrie“ auf der 6. Tagung des Zentralkomitees.[6]
So viel gute Presse führte dazu, dass auch der Werkleiter des HF, Herbert Otto, in einem Artikel in der Betriebszeitung begeistert über Anni Gent und ihre Brigade schrieb: „Diese Brigadierinnen arbeiten, sprechen und beraten mit ihren Brigademitgliedern Probleme der Arbeit, aber auch persönliche Fragen durch. Und sie nehmen ihre Aufgabe gerade in dieser Hinsicht sehr, sehr ernst. Dass das stimmt — den Beweis anzutreten, dass dieser Weg der richtige ist – das war der Inhalt des Auftrages, den die Genossin Gent erhielt. Das Ergebnis lehrt uns: „Arbeite richtig mit dem Menschen, und du festigst dein Kollektiv und befähigst es zu den größten und schönsten Leistungen!“ […] dass die Genossin Gent und mit ihr, das muss man hier sagen, ihre jungen Kolleginnen bewiesen haben, dass der Mensch, auch der junge Mensch, im Grunde gut ist, dass es darauf ankommt, wirklich kollektiv/zu arbeiten.“[7] Auch ein Fernsehgespräch zusammen mit sieben weiteren Aktivistinnen mit Otto Grotewohl dürfte zu ihrer Bekanntheit in der ganzen DDR beigetragen haben.[8]

Anni Gent versuchte, ihre jungen Brigade-Mädchen zwischen 18 und 21 Jahren auch generell weiter zu schulen. So hatte sie einen Deal mit der Werksbibliothek, die alle zwei Wochen neue Fachliteratur in die Abteilung brachte.[9] Es gelang ihr, 1960 alle ihre ‚Mädchen‘ zum Eintritt in die DSF (Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft) zu überreden.[10] Auch nahm sie mit ihren Schützlingen an einem von der BPO (Betriebsparteiorganisation) und dem Frauenausschuss organisierten Wochenend-Seminar in Prieros teil, in dem es um Themen wie „Warum braucht die Arbeiterin eine wissenschaftliche Weltanschauung?“ , „Die Stellung der Frau in der DDR und die Rolle und Aufgaben der Frauenausschüsse“ und „Was heißt sozialistisch arbeiten, lernen und leben?“[11] ging. Allerdings waren die von der ‚Berliner Zeitung‘ dorthin gesandten beiden Patinnen nicht ganz so überzeugt von den ‚Gent-Mädchen‘. Sie befanden, dass einige es doch sehr an Interesse mangeln ließen, und eins der Mädchen lief doch tatsächlich in Jeans herum, die eindeutig aus Westberlin stammten.[12]

Einige Jahre später, 1971, sollte Anni Gent in einem Artikel in ‚Neues Deutschland‘ über die  Arbeit des guten Parteigenossen schreiben: „Der Mensch entwickelt sich nicht allein durch seine Arbeit im volkseigenen Betrieb zur sozialistischen Persönlichkeit. Er muss die politischen und ökonomischen Zusammenhänge der gesellschaftlichen Entwicklung begreifen, um die Bedeutung seiner eigenen täglichen Arbeit zu erkennen. Wenn wir als Genossen ihm dabei helfen wollen, müssen wir ihn gut kennen — seine Erfahrungen, seinen Wissensstand, seine Lebensgewohnheiten, seine Charaktereigenschaften. Wenn wir mit ihm ins Gespräch kommen wollen, dürfen wir uns auch nicht scheuen, an tausend „kleinen“ Alltagsfragen anzuknüpfen, die ihm womöglich Sorgen bereiten und die er sich allein nicht beantworten kann.“[13] Diese Taktik scheint sie auch schon bei ihren ‚Mädchen‘ angewandt zu haben.

Allerdings wurden 1960 auch kritische Stimmen laut, die meinten, dass die ganze Hype um Anni Gent und ihre Jugendbrigade „leicht zum Feigenblatt des „WF“ werden kann, das eine im Grunde schlechte Jugendarbeit im Werk verdeckt.“ [14] Und, wie ein Bericht der ‚Berliner Zeitung‘ im Februar 1960 [15] zeigte, lief die Arbeit der Brigade auch Monate nach der Übernahme der Leitung durch Anni Gent keineswegs so rund, wie es immer als positives Beispiel dargestellt wurde.

Trotzdem war Anni Gent offensichtlich durch Artikel in vielen Medien als ein Musterbeispiel für den guten Brigadier bekannt.  So saß sie zusammen mit anderen verdiente Arbeiterinnen und Brigadierinnen im Präsidium der Berliner Arbeiterinnen-Konferenz der Bezirksleitung Groß-Berlin der SED neben Paul Verner und  Edith Baumann [16] und war Gast bei einem Empfang, den der Magistrat von Groß-Berlin und der Bezirksvorstand Berlin des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands aus Anlass des 50. Internationalen Frauentages gaben.[17]

Die ‚Berliner Zeitung‘ wusste auch zu berichten, dass Anni Gents Portrait an unzähligen Litfaßsäulen und auf Konferenzen zu sehen gewesen sei. [18] Höhepunkt dieser Karriere als ‚Mutter der Brigade‘ war am 8. März 1960, dem internationalen Frauentag, die Verleihung der Clara-Zetkin-Medaille. Verbunden mit dieser Auszeichnung war auch eine Reise nach Prag. [19]

Kurz nach der Verleihung   wurde die Brigade Gent in das Druckhaus der ‚Berliner Zeitung‘ eingeladen. Nach der Besichtigung fragten die Redakteure ihre Gäste: „Haben Euch unsere Berichte bisher vorwärtsgeholfen?“ Nur zögerlich und wenig überzeugend bejahte Anni Gent dies. Danach redeten die Mädchen: „Es hat uns geschadet, dass wir so groß in der Zeitung herauskamen. Wir sind doch noch nicht die Besten.“  „Einige meinen immer: Ihr wollt Vorbild sein? Ha, ha! Haltet Euch erst mal ran.“  -Wenn jetzt am Band mal gelacht wird, heißt es: Ihr wollt eine sozialistische Brigade werden? Schöne Brigade!“
Sehr mit sich zufrieden schreibt die ‚Berliner Zeitung‘ weiter in diesem langen Artikel: „Wie gut es war, dass wir dieses Kollektiv trotzig-murrender junger Mädchen ins Scheinwerferlicht des öffentlichen Interesses holten! Dass wir schilderten, wie sie miteinander kämpfen, mit sich und ihrer Umwelt, um neue Menschen zu werden, anders als früher über ihre Arbeit und über den zu denken, der neben ihnen steht.“
Der Rest des langen Artikels widmet sich noch einmal ausführlich dem Thema, wie wichtig es sei, sich um die Entwicklung der jungen Menschen zu kümmern. „Helga. Bärbel, Brigitte, Jutta — sie wissen oft noch nichts Rechtes anzufangen mit sich und ihren Konflikten. Die Wände des kleinen Gehäuses Ich sprengend stoßen sie auf dem Wege zum Wir auf die oder jene neuerlich hemmende Wand, werden ein wenig ungeduldig und fürchten bisweilen auch, unter den kritischen, überaus kritischen Augen vieler Kollegen die kleinen Freiheiten einzubüßen, weil sie die große Freiheit der Gemeinschaft in der Arbeit, in neuen Beziehungen untereinander gewinnen wollen.
Darf man denn nicht mehr lachen am Band, wenn man sozialistisch arbeiten, lernen und leben will? […]  Als ob ein glücklicher Mensch im Sozialismus nicht lachen dürfte! Als ob nur der sich sozialistisch entwickelt, der keinen Tanzabend besucht, kein Weinglas mehr anrührt! So grau und eintönig kann unseren Weg nur auslegen, wer ihn entweder nicht versteht oder ihn nicht verstehen will.“ [20]

Mit diesem Artikel erlischt der Medienrummel um Anni Gent und ihre Mädels. Weder ‚Neues Deutschland‘ noch ‚Berliner Zeitung‘ widmen ihnen weitere Artikel.

Zum 1. September 1961 entschlossen sich die Mitglieder der Brigade Gent, sich zu einer sozialistischen Jugendbrigade zusammenzuschließen und wählen den Brigade-Namen ‚German Titow‘.[21] Ihr ehrgeiziges Ziel, im sozialistischen Wettkampf den Titel „Brigade der sozialistischen Arbeit“ zu erringen, scheinen sie nie erreicht zu haben, jedenfalls berichtet die Betriebszeitung nichts davon.

(Fortsetzung folgt)

Abbildung: Berliner Zeitung Nr. 63, 8.3.1960, S. 3.

[1] Vgl. WF-Sender Nr. 37, 10.10.1958, S. 1.
[2] Vgl. WFS 34, 4.9.1959, S. 2.
[3] Vgl. WFS 10, 13.3.1959, S.1.
[4] Vgl. WFS 43, 6. 11.1959, S. 1
[5] Vgl. Berliner Zeitung Nr. 39,  13.2.1960, S. 3.
[6] Vgl. Neues Deutschland Nr. 261, 22.9.1959, S. 3.
[7] WF-Sender 43, 6. 11. 1959, S. 1.
[8] Vgl. WFS Nr. 16, 1974 (Aprilausgabe), S. 4.
[9] Vgl. WFS 22, 2.10.1959, S. 2.
[10] Vgl. WFS Nr.4, 29.1.1960, S. 3. 
[11] Neues Deutschland Nr. 279, 10. 10.1959, S. 3. 
[12] Vgl. Berliner Zeitung Nr. 246, 22.10.1959, S. 6. 
[13] Neues Deutschland Nr. 65, 6. 3.1971, S. 3. 
[14] Berliner Zeitung Nr. 270, 20. 11.1959, S.9 
[15] Vgl. Berliner Zeitung Nr. 39, 13. 2.1960, S. 3. 
[16] Berliner Zeitung Nr. 61, 6.3.1960, S. 3. 
[17] Vgl. Neues Deutschland Nr. 66, 6.3.1960, S. 8. 
[18] Vgl. Berliner Zeitung Nr. 63, 8.3.1960, S. 3.
[19] Vgl. WFS 10, 11.3.1960, S. 1. 
[20] Berliner Zeitung, Nr. 84, Di. 29.3.1960, S. 3. 
[21] Vgl.  WFS 33, 1. September 1961, S. 2.

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