Fundstücke aus dem Landesarchiv Berlin, Folge 2

Fundstücke aus dem Landesarchiv Berlin, Folge 2

(DDR-) Mythos versus Akten – Kriegsende im FAO

Im WF-Sender erschien ab Mai 1989 im Rahmen der Jubelfeiern zu 40 Jahre in unregelmäßigen Abständen eine Reihe von Artikeln zu den Anfängen des WF, zunächst unter dem Titel „Vom 5-PS-Motor zum Mikrochip. Aus der Geschichte des Werkes für Fernsehelektronik“. Zum Auftakt heißt es: „Wir beginnen mit dieser Ausgabe, Ausschnitte aus der Betriebsgeschichte zu veröffentlichen, die in den folgenden Teilen ergänzt werden durch Erlebnisse von Betriebsangehörigen. Gleichzeitig fordern wir Sie hiermit auf, in ihren Erinnerungen zu kramen und Episoden aus 40 Jahren Betriebsgeschichte, die Sie für besonders bemerkenswert halten, uns mitzuteilen.“[1] Ein Autor für die erste Folge wurde nicht genannt, aber die Geschichte war schon sehr mit dem erhobenen SED-Zeigefinger verfasst.

Die erste Folge widmete sich der Geschichte des FAO, beginnend mit der Gründung der „Niles-Werke“ 1890 und dem Bau des NAG-Gebäudes in der Ostendstraße 1917. „Selbst die schweren Krisen, z. B. die Weltwirtschaftskrise 1929, hinderten die Monopole nicht am Profitmachen. Das Monopolkapital bürdete alle Lasten der Krise den Werktätigen auf“, erfährt der Leser in dem Artikel. „Die Lage der Arbeiter in den Konzernbetrieben war geprägt von Ausbeutung, Lohndruck und Ausschluss von jeglicher Mitbestimmung. […] In den Jahren des Faschismus und besonders nach 1941 führten viele Arbeiter und Ingenieure den Kampf zur Verhinderung und Störung der Kriegsproduktion, unterstützten Kommunisten wie Rudolf Müller, Kurt Hagen, Fritz Spilger.“ (Rudolf Müller und Fritz Spilger[2] nahmen später wichtige Positionen im WF ein, Kurt Hagen taucht weder im WF-Sender noch in den Adressverzeichnissen auf.)
Der Bericht fährt fort: „In den letzten Kriegslagen waren nur noch wenige Arbeiter im Betrieb. Auf dem Turm unseres Gebäudes befand sich noch eine Beobachtungsstelle der Artillerie. Als sie jedoch mit ihrer Batterie, die sich in den Müggelbergen befinden sollte, keine Verbindung mehr herstellen konnten, warf sie die Funkgeräte auf die Straße herunter und verschwanden, ebenso wie eine Einheit der SS, die sich im Werk aufhielt und dann das Weite suchte. Das war das Ende der faschistischen Zeit. Im Werk selbst gab es weniger Kriegsschäden als in den Ortsteilen; aber Anlagen, Geräte wurden von den abziehenden Faschisten zerschlagen, demoliert und unbrauchbar gemacht. Damit zeigte der Betrieb das gleiche Bild der Zerstörung wie ganz Berlin, denn von den 1 1/2 Millionen Wohnungen in Berlin waren nur noch etwa 370 000 unbeschädigt. […][3] Mit diesem leichten Widerspruch – weniger Kriegsschäden im Werk, aber dennoch Gleichsetzung mit den Zerstörungen ganzer Stadtviertel in Berlin – endete die erste Folge über die Geschichte des WF.
Man kann sich lebhaft vorstellen, das die Soldaten wenig Lust verspürten, so kurz vor Toresschluss noch erschossen oder gefangen zu werden, sondern das Weite suchten, was aber etwas stutzig macht, ist die Aussage, dass sie oder andere Soldaten oder SS-Angehörige noch Zeit fanden, die Anlagen des FAO zu demolieren. Die Akten aus dem Landesarchiv vermitteln da auch einen etwas anderen Eindruck, denn am 9.5.1945 antwortete der amtierende Werkleiter des FAO, Walter Zimmermann, in dem – vermutlich für die sowj. Bezirkskommandanten[4] bestimmte Fragenbogen auf die Frage: „Zu wieviel Prozent ist das Werk z.Zt. betriebsfertig?“ „Das Werk war nicht beschädigt bis zur Besetzung durch russische Truppen.“[5]
Vom 4. Juni 1945 gibt es eine Aktennotiz, dass AEG-Direktor Otto Koehn[6] eine Dame geschickt hätte, der eine Aufstellung des gesamten Maschinenparks des FAO übergeben werden sollte. Diese Dame kam eine Woche später wieder vorbei und erhielt von Zimmermann persönlich die entsprechende Liste überreicht.[7] Wären alle Maschinen zerstört gewesen, hätte er bestimmt nicht so einfach eine Aufstellung des vorhandenen Maschinenparks anfertigen können.
Was wirklich kaputt gegangen war in den letzten Kriegstagen oder in den ersten Tagen der sowj. Besetzung, waren fast alle Glasscheiben im FAO. Eine Aufstellung vom 12. Juni 1945 meldete einen Glasbedarf für 5593 Scheiben, insgesamt 1035 qm Klar- oder Mattglas und weitere 220 qm Drahtglas für 155 Scheiben im Format 1800×775 cm.[8] Anforderungen von Baumaterial für die Reparatur von Gebäudeschäden aus den ersten Monaten nach finden sich nicht in den Akten im Landesarchiv. Auch zeigt das Foto der Fassade des Peter-Behrens-Baus aus dem Sommer 1946 keine großen Bauschäden (und schon neue Fensterscheiben außer in den Turmfenstern).

(Fortsetzung folgt)

[1] WF-Sender 20/1989 (3.Maiausgabe), S.3

[2] Genosse Fritz Spilger (1903-1972) arbeitete seit Oktober 1951 im HF, zunächst als Abteilungsleiter Galvanik und ab 1959 als Ingenieur im Büro für Erfindungs-/Neuererwesen, Hauptabteilung Neue Technik. 1961 war er auch Vorsitzender des Rates der 1960 geschaffenen Betriebsakademie. Von 1960 bis 1967 stellvertretender Leiter des Büros für Neuererwesen, wurde er im September 1967 sein Leiter. Zum 1.September 1968 ging Spilger in Rente. Ab 1955 war er auch über Jahre hinweg in der BGL aktiv.

[3] WF-Sender 20/1989 (3.Maiausgabe), S.3

[4] Der sowj. Bezirkskommandant war in den ersten Maiwochen ein Major Ssakawuk, vergl. Aktenvermerk Nr.1/45, 12.5.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[5] Durchschlag des von Zimmermann unterzeichneten ausgefüllten Fragebogens „Erfassung der industriellen Betriebe des Verwaltungsbezirkes Köpenick“ , 9.5.1945, in LAB, Rep. C404, Nr.3.

[6] Otto Koehn (1891-?), seit 1933 Vorstandsmitglied bei der AEG, 1945 zuständig für die Wiederinstandsetzung und Betriebsaufnahme der AEG-Fabriken, vergl. Eintrag „Koehn, Otto“ in Munzinger Online/Personen – Internationales Biographisches Archiv, URL: http://www.munzinger.de/document/00000006240 (abgerufen von Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins am 14.9.2021)

[7] Vergl. Aktennotiz vom 4.6.1945 und Ergänzung vom 12.6.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

[8] Vergl. „Scheibenbedarf AEG/FAO“, 12.6.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

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