Fundstücke aus dem Landesarchiv Berlin, Folge 19

Fundstücke aus dem Landesarchiv Berlin, Folge 19

Massenproduktion mit Schrottmaschinen, wie soll das funktionieren?
Nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee im Mai 1945 war auch in der AEG gehörende RFO reichlich demontiert worden, obwohl das LKVO als sowjetisches technisches Büro schon im August 1945 seine Arbeit aufnehmen konnte. Ein Teil der vom LKVO benötigten Maschinen stammte daher von anderen Fabriken, die auch der sowjetischen Demontage anheimgefallen und deren Maschinen noch nicht nach Russland verladen worden waren. Nach der Aktion Ossawakim im Oktober 1946 kam es zu einer weiteren Demontagewelle, diesmal als das, was die in die Sowjetunion zwangsverpflichteten Kollegen dort brachten. Es wundert daher nicht, dass bei den meisten Maschinen und Anlagen keine Unterlagen über den Anschaffungszeitpunkt existierten und bei der Bestandsaufnahme für die Enteignung der AEG nur die Anschaffungsjahre geschätzt werden konnten. Ein Teil des Bestandes stammte wohl noch aus den 1920er Jahren, die anderen Apparaturen, Maschinen und Werkzeuge größtenteils aus den 1930er Jahren.
Über neue Anlagen für die nun geplante Massenproduktion verfügte das OSW nicht, was auch deutlich im Geschäftsbericht für 1948, wohl vom deutschen technischen Direktor Paul Lorentz verfasst, deutlich zum Ausdruck gebracht wurde. „Besondere Erschwernisse zeigten sich durch die geringe Leistungsfähigkeit und den mangelhaften technologischen Zustand der Grundmittel. […] Infolge des mangelhaften Zustandes der Fabrikationseinrichtungen befindet sich die Belastung [der ArbeiterInnen] an der oberen Grenze, sodass zzt. keine Reserven vorhanden sind.“[1] „Infolge der plötzlichen Produktionssteigerung“ fährt der Bericht fort, „war es mit Rücksicht auf den nur geringen Umfang der werkseigenen Maschinenbauwerkstatt nicht möglich, den Stand der Mechanisierung wesentlich zu verbessern.“
Als Beispiel für die Rückständigkeit wird die Arbeit der Presstellerfertigung genannt. „So müssen beispielsweise in der Röhrenfertigung die Pressteller auf Einzelpressen in 4 Arbeitsgängen hergestellt werden, während der moderne Stand nur einen Arbeitsgang vorsieht.“ 1949 wurden zwar Verbesserungen bei der Presstellerherstellung vorgenommen,  aber weiterhin stellten 5 Arbeiterinnen in Handarbeit die Pressteller her. Erst Ende 1949/ Anfang 1950 wurde ein Automat eingeführt, der 5 Arbeiterinnen bei der Pressteller-Fertigung ersetzte.[2] Im 2. Halbjahr 1950 wurde dann ein weiterer Presstellerautomat angeschafft, der auch gleich das Stengelansetzen miterledigte.[3]
Auch die Einschmelzmaschinen und Pumpautomaten in der Röhrenfertigung funktionierten nicht korrekt. „Da nicht aufeinander abgestimmt. Der jetzige Zustand der Einschmelzmaschinen bedeutet mehr eine Handarbeit.“ Das Problem konnte im Laufe des Jahres 1949 gelöst und „ein kombinierter Betrieb der Einschmelzmaschine mit dem Pumpautomaten eingeführt“[4] werden, was zu einer Einsparung von 24.000 Mark geführt haben soll.
Während die Vakuumröhrenherstellung „einem wirklichen Massenproduktionsverfahren zustrebt, hat die Herstellung von Röntgenröhren, Gleichrichterröhren, Stabilisatoren, Bauelementen, bisher den Charakter einer Laborfertigung“.[5] Erst 1950 wurde eine Abt. Spezialröhrenfertigung geschaffen und „diese Fertigungsaufgaben aus den einzelnen Laboratorien herausgenommen und in einem selbständigen Bereich zusammengefasst.“[6]

Liest man den Geschäftsbericht für 1950, scheint das OSW, 1950 schon HF genannt, das Jahr 1949 und auch noch einen Teil des Jahres 1950 gebraucht zu haben, um durch räumliche und strukturelle Reorganisation sowie die Anschaffung modernerer Automaten zu einem Betrieb zu werden, der weitgehend eine Massenproduktion von Röhren erlaubte.

Aber nicht nur die veralteten Maschinen, die noch vielfältig notwendige manuelle Arbeit und die fehlenden oder logistisch unwirtschaftlich liegenden Räumlichkeiten behinderten den Ausbau der Produktion, auch der Rohstoffmangel bereitete erhebliche Schwierigkeiten.

Zu AEG-Zeiten hatten eingespielte Lieferketten zwischen Werken in ganz Deutschland exisitert, die schon nach Kriegsende durch die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen empfindlich gestört worden waren, aber wenigstens zum Teil noch funktionierten. Ab dem Tag der Berlin-Blockade kam der interzonale Warenaustausch zwischen der SBZ und den anderen Zonen fast völlig zum Erliegen. Es fehlten im OSW an Wolfram- und Molybdän-Säure, an Wolfram- und Molybdän-Blechen, Reinstnickel, Elektrovakuumkupfer, Bariumazid, Thoriumnitrat, Edelgase wie Argon, Neon, und vielem mehr, Rohstoffe, die in der Ostzone nicht produziert wurden,[7] sondern bis Juni 1948 noch aus den Westzonen organisiert worden waren. Auch Edelstahl wurde zu einem großen Teil aus den Westzonen bezogen.
Der Geschäftsbericht für 1948 nennt noch Geschäftsbeziehungen zu einigen Firmen in Westdeutschland wie z.B. die auf Prozessmessgeräte spezialisierte Firma Ludwig Krohne in Duisburg, die Schoeller Werk KG in Hellenthal, die längsnahtgeschweißte Edelstahlrohre herstellt, die heute nicht mehr existierende Niederlassung der Degussa in Salmünster, die Temperaturmeßeinrichtungen und elektrische Wärmegeräte herstellte,[8] die auf Messer, Zangen und Scheren spezialisierte Firma J.A.Schmidt & Söhne (heute Dreiturm) in Solingen, die Stieber Rollkupplung KG in München (heute Stieber in Heidelberg), die D.E.W. (Deutsche Edelstahlwerke) in Krefeld, der Lötmittelhersteller Küppers Metallwerk in Bonn (2002 stillgelegt), und die auf Quarzglas spezialisierte Firma Heraeus in Hanau.[9] Im Geschäftsbericht für 1949 wird kein Lieferant oder Kunde mehr aus den Westzonen genannt.[10]

Das Foto stammt aus dem Fotoarchiv des WF (TFA-537854) aus dem Jahr 1951 und zeigt eine junge Frau beim Sockelmontieren. Rechts neben dem Apparat liegt eine Schachtel mit Presstellern.

[1] Geschäftsbericht für 1948, S. 1f, in: LAB , Rep. C404, Nr. 158.

[2] Vergl. Geschäftsbericht für 1949, S. 4 und S. 16, in: Lab Rep. C404, Nr. 33.

[3] Vergl. Geschäftsbericht für 1950, S. 57, in: LAB Rep. C404, Nr. 34.

[4] Geschäftsbericht für 1949, S. 6, in: LAB, Rep. C404, Nr. 33.

[5] Geschäftsbericht für 1948, S. 3, in: LAB, Rep. C404, Nr. 154.

[6] Geschäftsbericht für 1950, S.11, in: LAB, Rep. C404, Nr. 34.

[7] Vergl. Geschäftsbericht für 1948, S. 2f, in: LAB, Rep. C404, Nr. 154.

[8] Vergl. HHStAW Bestand 507 Nr. 261, Bestandsübersicht (https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1901593)

[9] Vergl. Geschäftsbericht für 1948, LAB, Rep. C404, Nr. 154, o.P., Anlage zu Formblatt No. 1, Zeile No. 17 – Spezifikation der Differenz infolge Währungsreform – Währungsgewinne.

[10] Vergl. Bilanz und Geschäftsbericht 1948, Liste der Kreditoren, in: LAB, Rep. C404, Nr. 32, o.P.

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