Fundstücke aus dem Landesarchiv Berlin, Folge 4

Fundstücke aus dem Landesarchiv Berlin, Folge 4

Rüstungs- vs. Friedensproduktion: Was stellte das FAO zwischen 1939 und Kriegsende her?

Einer der Aufträge, den Direktor Zimmermann wohl bei der Besprechung mit Major Serdütschenko oder Oberstleutnant Michaelow am 24. Mai 1945 erhalten hatte, war eine Aufstellung der Produktionsbereiche der FAO, die Zimmermann auf 2 DIN A4-Seiten sehr detailliert am 25. Mai erstellte.[1] Am 10. Juli wurde noch ein weiteres Mal eine Aufstellung über die Fertigungsgebiete der FAO verfasst, die wesentlich kürzer, nicht einmal eine ganze DIN A4-Seite, geriet, teilweise aber auch andere Informationen lieferte.[2]

Die FAO unterteilte sich in eine Apparate- und eine Spulenfabrik.
In der Spulenfabrik wurden Pupinspulen mit Massekernen in Kästen und Muffen sowie Spulen für Apparate hergestellt, außerdem Masseeisenkerne für Apparate-Spulen, nämlich Topfkerne (Schalenkerne), Ringkerne und Zylinder-, Flach- und Sonderkerne. So berichtet die Aufstellung vom 25. Mai. Die Aufstellung vom 10. Juli fasst das Thema Masseeisenkerne etwas kürzer zusammen: „ Masseeisenkerne für Apparatespulen und Rundfunkgeräte, z.B. Topfkerne, Ringkerne, Zylinderkerne.“ Der Einschub Rundfunkgeräte sollte auf eine zivile Nutzung hindeuten.

Auch beim Apparatebau war die Zusammenfassung wesentlich knapper. Die Apparatefabrik der FAO hatte lt. der zweiten Aufstellung hergestellt: „1. Niederfrequenzverstärker für Fernsprech-Weitverkehr (Verstärkerämter) über Freileitungen und Kabel. In der ersten Fassung wurden unter 1., dass Zweidrahtverstärker, Vierdrahtverstärker, Allverstärker, Tonfrequenz-Rufumsetzer für Zweidraht- und Vierdrahtbetrieb, Sicherungsgestelle und Zweibandverstärker aufgezählt. Ferner seien noch „Verstärker 38“ und „Lauschempfänger“ produziert worden waren.
Weiter mit der Fassung vom 10. Juli: „2. Trägerfrequenzgeräte mit Zwischenverstärkern für Zwei- bis Sechsfache Ausnutzungen für Freileitungen und Kabel.“ Nicht mehr erwähnt wird der Terminus „Mehrfach-Einzelkanal-Trägerfrequenzgeräte (ME-System)“.
3. FTF-Gerät (Drahtnachrichtenteil für eine Draht-Funkverbindung) (gleicher Wortlaut auch schon am 25.5.)
4. „Geräte für die Hochfrequenz-Telefonie längs Hochspannungsleitungen für Kraftwerke (EW-Telefonie).“ Nicht mehr erwähnt wurden die Geräte für Hochfrequenztelefonie und Signalübertragung für elektr. Lokomotiven.
5. Wechsel-Lautsprech-Geräte für die Nachrichtenübermittlung mittels Lautsprecher für Bahnsteige. Rangierbahnhöfe, Industrieanlagen und dergl.,
6. Telefonie-Übertrager z.B. Fernleitungsübertrager, Ortsleitungsübertrager, Isolierübertrager.“ Hier fehlt in der zweiten Fassung der Hinweis, dass die Produktion der Übertrager nach Bautzen verlegt worden war.
„7. Messgeräte für die Fernmeldetechnik z.B. Frequenzanzeiger zum direkten Anzeigen einer Frequenz zwischen 10 und 60 kHz,
8. Relais.“ Im Mai waren die Relais noch genauer spezifiziert worden: „Schwachstromrelais als Zulieferung für Apparate 1) Klappankerrelais (FAO-Relais 1,2,3,5,6), 2) Drehankerrelais (FAO-Relais 7).“
Entfallen war auch der Passus, dass das FAO eine große Montageabteilung für Kabel, die vom KWO stammten, und die von ihr produzierten Apparate und Spulen hatte mit mehreren Ingenieuren und Monteuren sowie entsprechenden Werkzeugen und Messgeräten.

Generell versuchte sich die FAO als Produzent von Geräten dazustellen, die der zivilen Nutzung dienten. Dieser Aufstellung vom Juli 1945 war nämlich bereits der Befehl Nr.3 der SMAD vom 15. Juni 1945 vorangegangen, in dem angeordnet wurde: „1. Alle oder jede einzelne der folgenden Waffen, Munition oder Gegenstände im Besitz der örtlichen Verwaltungsorgane, Betriebe oder Einzelpersonen, die sich auf dem Gebiet der sowjetischen Okkupationszone befinden, müssen unversehrt erhalten und in gutem Zustand in der Zeit vom 17. bis 23. Juni 1945 den Militärkommandanten übergeben werden:[…] Werkstätten, Forschungsinstitute, Laboratorien, Versuchsstationen, technische Unterlagen, Patente, Pläne, Zeichnungen und Erfindungen, die für die Herstellung oder Verwendung [… von] Waffen sowie Kriegs- und Handelsschiffe aller Klassen bestimmt sind.:[…]“ Und es zeichnete sich ab, dass die Alliierten in der Potsdamer Konferenz die Demilitarisierung Deutschlands beschließen würden und vor allem Rüstungsunternehmen die Demontage drohte. Und was anderes war die FAO seit ihrer Verlagerung in den Peter-Behrens-Bau 1938/39?

Als Reaktion auf den Befehl Nr. 3 bemühte sich Zimmermann in einem Schreiben an den FAO-Kommandanten Oberstleutnant Swiridow vom 23. Juni 1945, die FAO als einen Hort der  Friedensproduktion darzustellen. „In den Werkstätten der Fernmeldekabel- und Apparatefabrik Oberspree wurden im Wesentlichen Geräte der Fernmeldetechnik für den Friedensbedarf der Behörden, wie Reichspost und Reichsbahn, hergestellt. Dazu gehören Pupinspulen und weitere Spulenarten, Verstärker, Trägerfrequenzgeräte und Messgeräte in einer dem Friedensbedarf angepassten Ausführung.“[3] Allerdings musste er zugeben, dass die FAO auch von der Wehrmacht Aufträge erhalten hatte. So hatte das FAO Lauschempfänger für die Wehrmacht produziert, die in der Aufstellung vom 25. Mai auch noch genannt worden waren. Am 23. Juni erfuhr aber der Kommandant, dass die FAO zwar so ein Gerät entwickelt hatte, die Fertigungsreihe aber erst in Vorbereitung gewesen war und daher keine Lauschempfänger an die Wehrmacht geliefert worden waren. Für das Inverter-Gerät ‚Anna 103‘, dass von SH entwickelt worden war, nicht vom FAO (!), hatte das FAO lediglich um 1940 Nachbauaufträge erhalten, wobei aber die Fertigung vom Heereswaffenamt gestoppt „und die Auslieferung des Auftrages annulliert“ worden sei. Was das FAO die 4 Jahre dazwischen mit ‚Anna 103‘ angestellt hat, erwähnt Zimmermann nicht. Auch vom Heereswaffenamt kam in den 1930er Jahren, also noch vor dem Umzug in die Ostendstraße, die Entwicklung eines Transponierungs- und Inversionsgeräts (Inverter-Geräts) in Tischgestellform für Netzspeisung. 25 Geräte seien gebaut und 1937 ausgeliefert worden und es habe keinen Folgeauftrag dafür mehr gegeben.
Eine Weiterentwicklung des Invertergeräts war ein Modulationsgerät. Diesen Auftrag hatte die Abt. AEG-Schiffbau in der Hauptverwaltung der AEG an Land gezogen. Insgesamt sollte 60 Stück produziert werden, allerdings seien nur 15 geliefert, der Rest sei durch Bombenschäden 1944 vernichtet worden. Auch für die Abt. AEG-Schiffbau entwickelte die FAO 1941 Steuerverstärker für Torpedoköpfe, produziert wurden sie dann in Litzmannstadt, wie das von den Deutschen besetzte Lodz im III. Reich hieß.
Obwohl das FAO selbst Patente für Trägerfrequenzgeräte hatte, sollte es 1940 ein von S&H entwickeltes tragbares Trägerfrequenzgerät nachbauen. 1940-1943 wurden lt. Zimmermann rd. 200 Stück gebaut.
Wesentlich größer war die Anzahl der Peilrahmen für Flugzeuge. Hier schreibt Zimmermann nur, dass sie in Monatsmengen von mehreren 100 Stück hergestellt worden seien, eine konkrete Zahl nennt er(vorsichtshalber)  nicht. “Unter den Relais wissen wir von nsogenannten Panzerhandlampenrelais für Flugplatzbeleuchtung und Antennenabschaltrelais, dass sie von anderen Kriegsgerätherstellern eingebaut wurden. Die Panzerhandlampenrelais lieferten wir in Mengen von monatlich 2000 bis 7000 Stück, während von den Antennenabschaltrelais monatlich nur einige 100 Stück zur Lieferung kamen. Bei den übrigen Relais sind uns die Verwendungszwecke nicht bekannt geworden.“ Auch unbekannt war dem FAO, welche Verwendung die Eisenpulverkerne fanden, die „laufend in größerer Anzahl gefertigt“ wurden.
Kurzfassung: Das FAO war doch eigentlich vor allem ein Betrieb der Friedenswirtschaft und kein Rüstungsbetrieb …
(Fortsetzung folgt)

Das Foto stammt aus: Baranowsky: Hochfrequenztastsender- und Empfänger für Impulsübertragung THS/E 83 , Beschreibung und Wartungsvorschrift, Dezember 1937, 71 Seiten, davon 13 Seiten Beschreibung und der Rest Anlagen, z.Teil auch mit SW-Fotografien.
Baranowsky war in der FAO zuständig gewesen für die „Laboratoriumsmäßige Bearbeitung der Hochfrequenztelefonie“[4] in der Forschung und Entwicklung der FAO.

[1] „Fertigungsgebiet der FAO“, 25.5.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.
[2] „Übersicht über das Fertigungsgebiet der FAO“, 10.7.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.
[3] Schreiben von Zimmermann an den FAO-Kommandanten Oberstleutnant Swiridow „Betr. Kriegsgerät gemäß Befehl Nr.3 der Sowjetischen Militärischen Administration“ , 23.6.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.
[4] „Gliederung und Arbeitsplan der Laboratorien der FAO“, 22.6.1945, in: LAB, Rep. C404, Nr.3.

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